Ausgabe 01 | 2018

BERUFSBERATUNG

Porträt

Mit 50 in die Lehre

Ein erfolgreicher Geschäftsführer beginnt beruflich noch mal ganz von vorne und geht in die Lehre als Bootfachwart. Er integriert sich in der Berufsfachschule und im Lehrbetrieb. Doch nach dem Aufatmen kommt die Krise, und der Lehrabschluss gelingt im ersten Anlauf nicht.

Von Marco Graf, Berufs- und Laufbahnberater im Laufbahnzentrum Zürich, Journalist

Ingo Buse, Ökonom und Bootfachwart. Schon sein Urgrossvater hatte drei Frachtsegler und fuhr als Kapitän zwischen Bremerhaven und Buenos Aires hin und her. (Bild: Marco Graf)

Ingo Buse, Ökonom und Bootfachwart. Schon sein Urgrossvater hatte drei Frachtsegler und fuhr als Kapitän zwischen Bremerhaven und Buenos Aires hin und her. (Bild: Marco Graf)

Der grosse, stämmige Mann wartet am Eingang der Werft in Meilen am Zürichsee. Für einen Lehrling ist Ingo Buse alt, davon zeugt die Glatze mit dem Haarkranz auf den Seiten des Kopfes. Er wirkt entspannt, relaxt würden seine jugendlichen Berufsschulkollegen das nennen. Die Augen blicken freundlich und neugierig. Ist sein Gang wiegend, wie wenn er an Bord eines Schiffes wäre? »Das sind die Gene», meint er dazu. Schon sein Urgrossvater hatte drei Frachtsegler und fuhr als Kapitän zwischen Bremerhaven und Buenos Aires hin und her. Der Urgrossvater ist in einem Sturm mit Schiff, Mann und Maus untergegangen. Sein Grossvater, der in die Fussstapfen seines Vaters treten wollte, aber nach dem Unglück des Urgrossvaters nicht durfte, studierte Maschinenbau und entwickelte Schiffsmotoren. «Auch mein Vater ist schon mit 14 zur See gefahren und hat sich von ganz unten zum Kapitän hochgedient, er hat die grossen Tanker gefahren.» Jetzt will Ingo Buse diese Tradition fortsetzen, als Bootfachwart. Schon immer habe er sich mit der Schifffahrt beschäftigt, aber eher hobbymässig. Er hat seine Boots- und Segelscheine gemacht und ist seit zehn Jahren Hobbysegler. Letzten Herbst überquerte er zum ersten Mal den Atlantik in einem Segelschiff. Nach wenigen Sätzen ist klar: Dieser Mann ist nicht nur wegen seines Alters kein gewöhnlicher Lehrling. Zu geschliffen die Sprache, druckreif seine Sätze, präzise die Wortwahl. So redet kein Handwerker! Ingo Buse ist 53 Jahre alt. Er hat als junger Mann Ökonomie an der Universität Zürich studiert, eine Dissertation in Umweltökonomie geschrieben, als Assistent des Chefökonomen der UBS gearbeitet, war Wirtschaftsredaktor bei der NZZ, Pressesprecher bei einem Telekommunikationsunternehmen und zuletzt Geschäftsführer einer Kommunikationsfirma mit 80 Angestellten und Niederlassungen auf der ganzen Welt. Natürlich erzähle er in der Lehre kaum jemandem vom seinem Werdegang. Er sage nur, er sei Journalist gewesen und hätte keine Freude mehr an diesem Beruf gehabt. Sein Standardsatz lautet: Ich bin Hobby-Segler und will mein Hobby zum Beruf machen.

Nach dem Segeltörn die Schnupperlehre

Bleibt die Frage, wie ein Geschäftsführer dazu kommt, Bootfachwart zu lernen. Ingo Buse blickt zurück: «Als ich gegen die 50 ging, hat das angefangen. Wenn ich von einem Segeltörn zurückgekommen bin, ist es mir jedes Mal schwerer gefallen, mich im Büro wieder zurechtzufinden.» Irgendwann merkt er, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Er fragt bei der Werft in Arbon am Bodensee, bei der er sein Boot gekauft hat, ob er ein bis zwei Wochen mitarbeiten dürfe. Nach dieser Schnupperlehre, einigen Wochen Bedenkzeit und langen Gesprächen mit seiner Frau und seinen drei schon erwachsenen Kindern bewirbt er sich bei der Werft im Sommer 2014. Man ist sich rasch einig. Ingo Buse kann als Lehrling eintreten, aufgrund seiner Vorbildung dauert die Lehrzeit ein Jahr weniger, und er erhält den Lohn eines Hilfsarbeiters. So unterzeichnet Ingo Buse am 18. August 2014 einen Lehrvertrag und tritt zwei Tage später die Lehre an. Bald darauf kommt der erste Tag an der Berufsschule: «Der Lehrer hat mich erst mal mit grossen Augen angeblickt, ich war fast doppelt so alt wie er, aber das hat sich sehr schnell entspannt.» Auch die jugendlichen Lehrlinge beäugen den ungewöhnlichen Mitschüler, kommen in der ersten Pause auf ihn zu und wollen wissen, was er hier macht. Nach zwei, drei Schultagen hat sich das normalisiert. Der Wechsel von der alten in die neue Arbeitswelt, der sei schon sehr, sehr heftig gewesen, meint Ingo Buse. Aus einem internationalen Umfeld in eine kleinräumige, familiär strukturierte Arbeitsumgebung, vom Marketing in einen Handwerksbetrieb, das sei ein riesiger Schritt. In seiner alten Arbeitswelt sprach Ingo Buse Englisch, kommunizierte und verhandelte mit Chinesen, Australiern, Vietnamesen und Südafrikanern. Von einem Tag auf den anderen steht er in einer Werkstatt und die Gespräche beschränken sich ausschliesslich auf die konkreten Arbeitsschritte, die es gerade braucht, um das Boot wieder instand zu stellen. Mittlerweile rede er auch nicht mehr so viel wie früher, nur noch zuhause. Das bringe der Job einfach mit sich. Auch der Rollenwechsel vom Geschäftsführer zum Lehrling war nicht einfach: «Du musst wieder unten durch, musst putzen, putzen und putzen. Jeden Morgen kommt ein Anschiss, jeden Abend hast du die Fragen, ob du deine Arbeiten erledigt hast.» Heute hat Ingo Buse damit keine Probleme mehr. Aufmerksam geht er dem Mechaniker zur Hand und packt mit an. Die Hierarchie ist klar, der Mechaniker ist der Chef, er ist der Lehrling. Es sieht so aus, als ob er schon immer in dieser Rolle gewesen wäre.

«Hey, Papa, da musst du durch»

Nach dem ersten Lehrjahr die grosse Krise. Ingo Buse will nicht mehr, fühlt sich ungerecht behandelt, ist überfordert. «Mit dem Betrieb bin ich fertig, da geh ich nicht mehr hin», sagt er der Familie. Trocken antworten ihm seine Kinder, die die Lehre schon hinter sich haben: «Hey, Papa, das haben wir auch erlebt. Glaubst du, du bist der Einzige? Da musst du durch.» Ingo Buse hält durch und tritt nach zwei Jahren Lehrzeit zur Abschlussprüfung an. Er fällt bei der praktischen Prüfung durch! Was jetzt? Er sucht sich eine grössere Werft am Zürichsee und fragt wiederum für ein Praktikum an. Ariane Vonwiller, Geschäftsführerin der Werft, gibt ihm eine Chance, er darf ein Praktikum von ein paar Wochen machen. Ingo Buse bewährt sich und bekommt einen festen Arbeitsvertrag. Im Juni und Juli will er sich intensiv auf die praktische Prüfung vorbereiten. In der modernen Werft mit Holz-, Metall- und Malerwerkstatt findet Ingo ideale Verhältnisse für die Vorbereitung vor, wenn er denn dazu kommt. Im Frühjahr herrscht auf einer Werft Hochbetrieb. Kaum wird es etwas wärmer, zieht es die Leute auf den See. Ingo Buse arbeitet jeden Tag neun bis zehn Stunden, damit die Kunden mit den frisch hergerichteten Booten ausfahren können. Motoren kontrollieren und warten, Reparaturen am Boot vornehmen, streichen und putzen sind seine wichtigsten Arbeiten. Vor den Sommerferien besteht Ingo Buse im zweiten Anlauf das Qualifikationsverfahren und ist nun stolzer Bootfachwart mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis. Ingo Buse ist zufrieden, auch wenn er nie mehr so viel verdienen wird wie früher. Der Ökonom meint: «Die Rechnung habe ich gemacht. Meine Arbeitszufriedenheit und das allgemeine Wohlbefinden sind mir so viel wert, dass ich gut und gerne auf den Lohn verzichten kann, den ich vorher hatte.» Er sei am See, falle abends todmüde ins Bett und sehe jeden Tag, was er gemacht habe. Auch sein Umfeld melde ihm zurück: veränderter Mensch, sehr viel zufriedener, gelassener und ausgeglichener. Lachend sagt Ingo Buse: «Mir wachsen sogar die Haare wieder auf dem Kopf, ich bin aufgeblüht.»

Links und Literaturhinweise

www.bootbauer.ch

Kasten

Lehre für Erwachsene

Dass über 50-jährige Personen noch eine berufliche Grundbildung absolvieren, ist aus naheliegenden Gründen selten. 2016 haben gemäss Bundesamt für Statistik 524 Personen über 50 Jahre ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder ein eidgenössisches Attest (EBA) erlangt, dies entspricht weniger als einem Prozent der total rund 69'000 Abschlüsse. Gemäss einer Auswertung von Emil Wettstein, der sich intensiv mit der Nachqualifizierung von Erwachsenen befasst, entfielen im Jahr 2015 immerhin rund 11 Prozent der Abschlüsse auf über 30-jährige Personen, verglichen mit knapp 4 Prozent im Jahr 2003. Die Abschlüsse der über 30-Jährigen, die einen Berufsabschluss erwerben, nimmt also zu. Es gibt in der Schweiz vier Wege, als Erwachsene/r einen Berufsabschluss zu erwerben: die reguläre Berufslehre, die verkürzte Berufslehre, den direkten Zugang zum Qualifikationsverfahren (Artikel 32 der BBV) sowie – in bestimmten Berufen – die Validierung. (sk)

Kasten

Bootbauer und Bootfachwart

Bootbauer und Bootfachwart sind nahe verwandte Berufe. Das erste Jahr an der Berufsfachschule besuchen die Lernenden der beiden Berufe gemeinsamt. Bootbauer vertiefen sich dann in Neu-, Aus- und Umbauarbeiten an Wasserfahrzeugen sowie Reparaturen. Bootfachwarte hingegen befassen sich ab dem zweiten Lehrjahr mit dem Transportieren, Lagern und Reparieren von Wasserfahrzeugen. Lernende beider Berufe müssen vor oder nach der Lehre die Motorboot- und Segelprüfung ablegen. Beide Berufslehren dauern vier Jahre und führen zu einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis. Pro Jahr beginnen je rund 20 bis 25 Personen eine Lehre zum Bootbauer oder Bootfachwart. Über alle Lehrjahre gesehen gibt es in den beiden Berufen rund 140 Lernende pro Jahr, vor 10 Jahren waren es noch rund 180 Lernende. (sk)

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 4 | 2019 mit dem Fokus «Interkulturalität» erscheint am 23. August.