Ausgabe 03 | 2017

Fokus "Risiko"

Sozialhilfe

«Wichtig ist die Überzeugung, dass Eingliederung möglich ist»

Welche Faktoren begünstigen oder erschweren die berufliche Eingliederung von Personen, die mehreren sozialen Risiken gleichzeitig ausgesetzt sind? Dieser Frage ging Vincent Delorme in einer Studie nach, die er im Rahmen seines Masterstudiums im Bereich Public Management an der Universität Lausanne durchführte.

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Vincent Delorme ist Leiter des Sozialhilfe-zentrums Carouge GE. (Bild: zvg)

Vincent Delorme ist Leiter des Sozialhilfe-zentrums Carouge GE. (Bild: zvg)

PANORAMA: Sie haben in Ihrer Studie die Laufbahn von Personen untersucht, die nach acht Jahren Sozialhilfe den beruflichen Einstieg wieder geschafft haben. Ist das nicht ein sehr aussergewöhnlicher Ansatz? Vincent Delorme: Ja und nein. Als Leiter eines Sozialhilfezentrums bin ich unmittelbar mit der massiv steigenden Zahl von Sozialhilfeempfängern und vor allem von Langzeitbezügern konfrontiert. Der Anteil der Personen, die seit sechs oder mehr Jahren Sozialhilfe beziehen, hat sich zwischen 2005 und 2015 von acht auf 16,4 Prozent verdoppelt. In Genf finden drei Viertel der Betroffenen innerhalb von zwei Jahren wieder den Ausstieg aus der Sozialhilfe. Die Politik ist vor allem auf diese Zielgruppe ausgerichtet. Aber was ist mit den anderen? Ich wollte in meiner Arbeit die Ressourcen derjenigen hervorheben, an die keiner mehr glaubt. Es geht mir darum, das scheinbar Unmögliche zu erklären, zu verstehen, wie einzelne Sozialhilfebezüger entgegen jeder statistischen Wahrscheinlichkeit nach vier, acht oder, wie es bei einer der befragten Personen der Fall war, sogar nach 17 Jahren die berufliche Eingliederung schaffen.

Inwiefern bringt Ihre Studie neue Erkenntnisse für die berufliche Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen?
Zuerst möchte ich präzisieren, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Langzeitbezüger in der Sozialhilfe nicht arbeitslos, sondern berufstätig ist, dass ihr Einkommen jedoch den Lebensunterhalt nicht deckt. Wir sprechen hier von den Working Poor. Zu Ihrer Frage: Ich denke, der Mehrwert meiner Analyse könnte darin liegen, dass sie eine Vielzahl von negativen und positiven Faktoren berücksichtigt, welche die Eingliederung beeinflussen, und nicht wie die meisten Studien in diesem Bereich nur einen einzigen Faktor beleuchtet.

Sie haben Personen befragt, die seit mindestens neun Monaten wieder im Erwerbsleben waren. In welchen Arbeitsverhältnissen standen diese?
Die Personen, die ich befragt habe, konnten alle einen unbefristeten Arbeitsvertrag abschliessen und arbeiteten durchschnittlich seit zwei Jahren in diesem Arbeitsverhältnis. Abgesehen von zwei oder drei Fällen handelt es sich jedoch um eher prekäre Stellen und beschwerliche Arbeiten, beispielsweise aufgrund von Nachtarbeit. Zudem ist die Mehrzahl der Befragten nicht in ihren ursprünglichen Beruf zurückgekehrt. Die prekären Arbeitssituationen sind ein Grund für die hohe Wiedereintrittsquote in die Sozialhilfe: In Genf benötigen 29 Prozent der ehemaligen Sozialhilfebezüger nach fünf Jahren erneut Sozialhilfe. Diese Personen haben ein erhöhtes Risiko, weil sie doppelt gefährdet sind, einmal aufgrund ihrer Laufbahn und einmal durch die Art der Arbeit, die sie gefunden haben. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter müssten für dieses Wiedereintrittsrisiko sensibilisiert werden, damit sie die Personen besser begleiten und eine Rückkehr verhindern können. Heute begleiten Sozialarbeiter eingegliederte Personen in der Regel nicht mehr, obwohl das rechtlich möglich wäre. Im Vordergrund steht häufig die reine Verwaltung der Finanzdossiers.

Welche persönlichen Ressourcen sind nach Ihren Erkenntnissen für die Eingliederung massgeblich?
Es gibt acht Faktoren, die besonders bedeutsam sind: 1. Motivation (z. B. der Wert, welcher der Arbeit zugemessen wird, Kompromissbereitschaft, Entschlossenheit und Selbstbild); 2. Sozialkompetenzen (z. B. Kontakt-, Ausdrucks- und Kommunikationsfähigkeit); 3. Teilnahme an einer Eingliederungsmassnahme; 4. Mobilisierung sozialer und informeller Netzwerke; 5. Grad der sozialen und kulturellen Integration; 6. soziale Probleme; 7. gesundheitliche Probleme; 8. familiäre Verpflichtungen. Die ersten vier Faktoren sind Ressourcen, die drei letzten sind Hindernisse. Der Grad der sozialen und kulturellen Integration kann je nach Lebenssituation und Laufbahn sowohl eine Ressource als auch ein Hindernis sein.

Sie gingen anfänglich davon aus, dass Überschuldung eine grosse Hürde für die Eingliederung von Langzeitbezügern ist. Hat sich dies bestätigt?
Dieser Faktor konnte bei den befragten Personen kaum festgestellt werden. Im Gegenteil gingen diejenigen, die diesen Faktor angesprochen haben, davon aus, dass sie die Schulden nun ohne grosse Probleme zurückzahlen könnten. Ich denke, das hat mit meiner Herangehensweise zu tun. Hätte ich mich auf Langzeitbezüger konzentriert, denen die Wiedereingliederung nicht gelungen ist, wäre die Verschuldung sicher ein grösseres Thema gewesen. Die Überschuldung ist ein gewaltiges Risiko. Es braucht ungeheure Motivation, wieder zu arbeiten, wenn jeder Rappen, der über das Existenzminimum hinausgeht, vom Lohn abgezogen wird.

Viele der befragten Personen gaben an, häusliche Gewalt erlebt zu haben.
Von den 20 Personen, die ich befragt habe, gaben neun an, dass sie vor längerer oder kürzerer Zeit Opfer häuslicher Gewalt waren. Dieser Anteil ist zwar statistisch nicht relevant, aber er hat mich doch überrascht. Damit habe ich nicht gerechnet. Dieser Faktor scheint besonders bei Personen, die sehr lange Sozialhilfe beziehen, eine Rolle zu spielen. Über diese Problematik wird kaum gesprochen und sie müsste meines Erachtens viel stärker berücksichtigt werden. Sozialarbeiter müssen dafür stärker sensibilisiert werden.

Ist Zeit ein positiver oder ein negativer Faktor für die Eingliederung?
Eher ein negativer, die Statistiken dazu sprechen eine klare Sprache. Doch meine Studie zeigt, dass es niemals zu spät ist. Wichtig ist die Überzeugung, dass eine Eingliederung auch dann noch möglich ist, wenn jemand schon seit vier, fünf oder sechs Jahren Sozialhilfe bezieht. Für viele ist die Zeit ein Risikofaktor. Doch für gewisse soziale Probleme, wie etwa häusliche Gewalt, geringe soziale und kulturelle Integration oder Gesundheitsprobleme, kann der Faktor Zeit auch hilfreich sein, da sie sich nur langsam lösen lassen. Man darf Langzeitbezüger nicht einfach abschreiben. Alles ist möglich und letztlich ist auch die Motivation entscheidend für die Eingliederung. Einige der Befragten sagten, dass sie den beruflichen Wiedereinstieg mit so grosser Entschlossenheit angingen, weil sie ihren Kindern ein Vorbild sein wollten.

Wie hat diese Studie Ihre berufliche Praxis verändert?
Früher ging ich vom Grundsatz aus, dass bestehende Probleme erkannt, angegangen und gelöst werden müssen, damit die Wiedereingliederung gelingt. Heute weiss ich, dass es nicht so simpel ist, dass die Eingliederung vielmehr von einem komplexen Zusammenspiel aus mehreren negativen und positiven Faktoren beeinflusst wird.

Links und Literaturhinweise

Delorme, V. (2016): Bénéficiaires d’aide sociale de longue durée: freins et ressources pour retrouver un emploi. Universität Lausanne, IDHEAP.
 
Bonoli, G. (2005): The politics of the new social policies: Providing coverage against new social risks in mature welfare states. In: Policy & Politics (Nr. 3[33], S. 431-449).
SECO (2015): Schutz vor psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz – Informationen für Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen. Bern.

Kasten

Soziale und psychosoziale Risiken

Das Sozialversicherungssystem hat zum Zweck, die verschiedenen sozialen Risiken, denen jeder Mensch ausgesetzt sein kann, aufzufangen. Als soziale Risiken gelten Ereignisse, die so hohe Kosten oder so starke Einschränkungen des gewohnten Einkommens verursachen, dass sie von der Allgemeinheit getragen werden müssen. In der Regel werden sieben soziale Risiken unterschieden: Krankheit, Behinderung, Alter, Berufsunfall oder -krankheit, Familie und Mutterschaft, Arbeitslosigkeit und schliesslich Armut, die jedoch meist durch eines der anderen Risiken verursacht wird. Die Art und die Deckung der sozialen Risiken wandeln sich mit der Zeit. Neue soziale Risiken entstehen. Giuliano Bonoli, Professor an der Universität Lausanne, definiert «neue soziale Risiken» als Situationen, in denen Individuen ihr Wohlbefinden durch die sozioökonomischen Transformationen bei der Entstehung von postindustriellen Gesellschaften beeinträchtigt sehen. Ihr Auftreten sei sowohl mit der Entwicklung eines leistungsfähigen Sozialstaates als auch mit den tiefgreifenden Veränderungen von Arbeit und Familie verbunden. Zu diesen neuen Risiken gehören laut Bonoli etwa mangelnde Bildung, da gering oder nicht qualifizierte Personen in der postindustriellen Gesellschaft benachteiligt sind, sowie Familienstrukturen wie Eineltern- oder kinderreiche Familien.
Von den sozialen Risiken unterscheidet man die psychosozialen Risiken, ein Begriff, der seit Anfang der 2000er-Jahre in Gebrauch ist. Gemäss SECO gehören dazu Gesundheitsrisiken wie Stress, Burn-out oder Beeinträchtigungen der persönlichen Integrität, die sich negativ auf die Psyche (Depression, Angststörungen), den Körper (Muskel-Skelett-Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes), das Arbeitsverhalten (Rückzug, Motivationsverlust, Leistungsabfall, vermehrter Konsum von Alkohol oder psychoaktiven Substanzen) oder das Unternehmen (Produktivitätseinbussen, Absenzen) auswirken können. Das SECO hat zu diesem Thema eine Informations- und Sensibilisierungsbroschüre für Arbeitgeber herausgegeben.

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Nr. 6 | 2017
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