Ausgabe 03 | 2016

BERUFSBILDUNG

Schullehrpläne für die Berufsmaturität

Vier Kantone machen gemeinsame Sache

Prüfungen für die Berufsmaturität müssen gemäss neuem Rahmenlehrplan auf ihre Qualität geprüft werden. Auch die Entwicklung von Schullehrplänen stellt an die Kantone hohe Anforderungen. In der Nordwestschweiz haben sich vier Kantone zusammengetan.

Von Marcia Hermann, Amt für Berufsbildung und Berufsberatung Basel-Landschaft, und Florian Weingartner, Abteilung Berufsbildung und Mittelschule Kanton Aargau

Mit der neuen Berufsmaturitätsverordnung (BMV 2009) des Bundes und dem dazugehörigen Rahmenlehrplan von 2012 (RLP 2012) haben sich die Rahmenbedingungen für die Kantone im Bereich der Berufsmaturität geändert. Nebst vielen weiteren Neuerungen werden eine stärkere regionale Zusammenarbeit und eine intensivere Kooperation mit den Fachhochschulen im Bereich der Abschlussprüfungen gefordert. Die Fachhochschulen sind als Abnehmerinnen der Mehrheit der Absolvierenden einer Berufsmaturität besonders wichtige Ansprechpartner. Die vier Kantone des Bildungsraums Nordwestschweiz, Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt und Solothurn, die bereits in diversen Bereichen der Bildung zusammenarbeiten, sind die Umsetzung von BMV und RLP koordiniert angegangen; ebenso sollten die Abschlussprüfungen im Bildungsraum regional vorbereitet und validiert werden. Um diese Ziele zu erreichen, wurden zwei Teilprojekte lanciert, die zur Entwicklung von internet-basierten Tools führten. Die Kosten für den Betrieb dieser Plattformen betragen pro Jahr 15'000 Franken pro Kanton. Die Entwicklungskosten betrugen (ohne internen Personalaufwand) 130'000 Franken.

Teilprojekt «Lehrplantool»

Grundsätzlich ist gemäss BMV (Artikel 29) auf Basis des Rahmenlehrplans für die Berufsmaturität (BM) für alle BM-Ausrichtungen einer Berufsfachschule ein separater Schullehrplan zu erstellen. Jeder dieser Schullehrpläne enthält Ziele und Konzepte (zum Beispiel für die interdisziplinäre Arbeit oder die interdisziplinäre Projektarbeit), eine Lektionentafel sowie die Fachlehrpläne (für den Grundla­gen­bereich, Schwerpunktbereich und den Ergänzungsbereich). Die Fachlehrpläne werden ihrerseits durch Fachgruppen erarbeitet; im Fall der Kantone BL und BS arbeiten diese Fachgruppen über die Kantonsgrenzen hinweg und erstellen überkantonal gültige Fachlehrpläne. Im Rahmen des ersten Teilprojektes wurde ein gemeinsames, internetbasiertes Lehrplantool (lehrplaene.ch) entwickelt, das die Entwicklung der Fachlehrpläne und der Schullehrpläne vereinfacht. Das Tool integriert Elemente des RLP und stellt einen vorgegebenen Raster für die Lehrpläne bereit. Damit fällt das mühselige Überprüfen und Abschreiben weg. Hier können die Lerngebiete der fachspezifischen RLP und die dazugehörigen fach- lichen Kompetenzen angewählt und individuell mit Lerninhalten konkretisiert werden. So wird beispielsweise die fachliche Kompetenz «verschiedene Textsorten verfassen» im Lerngebiet «Textanalyse und Textproduktion» aus dem RLP mit dem Lerninhalt «Aufbau und Gliederung von verschiedenen Textsorten: Inhaltsangabe, Zusammenfassung» ausgeführt. Dafür werden im Schullehrplan zwei Lektionen eingeplant. Das System meldet, wenn nicht alle fachlichen Kompetenzen übernommen und mit Lerninhalten konkretisiert wurden, da Inhalte, welche für das Qualifikationsverfahren relevant sind, zwingend eingebunden werden müssen. Im Anschluss an die Erstellung der Fachlehrpläne geht die Arbeit an den einzelnen Berufsfachschulen weiter. Die für die BM verantwortlichen Personen definieren die Lektionentafeln des entsprechenden Bildungsgangs (BM1 drei Jahre bzw. vier Jahre, BM2 ein Jahr bzw. zwei Jahre). Anschliessend werden die Inhalte der Fachlehrpläne gemäss Lektionentafel auf die einzelnen Ausbildungsjahre aufgeteilt und eventuell inhaltliche Spezifizierungen der Schule berücksichtigt (Ausnahme: verschlüsselte Lerninhalte, siehe Grafik). Auf diese Weise sind im vergangenen Jahr insgesamt 70 Schullehrpläne entstanden. Auch für die Planung des Unterrichts durch die über 400 Lehrpersonen ist der Zugriff auf den Schullehrplan nützlich. Im Lehrplantool können sie alle Lehrpläne oder einzelne Fächer als PDF-Dokument oder im Excel-Format exportieren. Alte Lehrpläne bleiben im Archiv und können als Vorlagen für neue Lehrpläne wieder verwendet werden. Auf dem Weg der Realisierung des Lehrplantools benötigten die Verantwortlichen professionelle Unterstützung von externen Fachpersonen. Den Zuschlag erhielt Codegestalt, ein Jungunternehmen aus der Region Basel, welches im stetigen Austausch mit den Verantwortlichen des Bildungsraums Nordwestschweiz lehrplaene.ch erfolgreich realisiert hat.

Teilprojekt Validierung der schrift­lichen Abschlussprüfungen

Zum Start der neurechtlichen Berufs­maturitätsbildungsgänge im Schuljahr 2015/16 haben die vier Kantone zudem ein gemeinsames Validierungssystem für die Abschlussprüfungen der BM lanciert. Hintergrund ist die in der BMV in Artikel 21 formulierte Vorschrift, wonach die schriftlichen Abschlussprüfungen «regional vorbereitet und validiert» werden müssen. Das System basiert auf der eigens entwickelten Online-Plattform «ValidOrg», für deren Entwicklung die Bedürfnisse der verschiedenen Benutzergruppen – Prüfungsautorinnen, Validierungsexperten, Prüfungsleitende – eruiert wurden. Über ValidOrg wurden bereits 82 Prüfungen von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) auf ihre Eignung als BM-Ab­schlussprüfung überprüft; dies in den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch, Mathematik, Naturwissenschaften, Finanz- und Rechnungswesen, Wirtschaft und Recht, Sozialwissenschaften, Gestaltung, Kunst und Kultur sowie Information und Kommunikation. Das Onlinetool erlaubt es, alle für die Entwicklung und Durchführung der schriftlichen Prüfungen notwendigen Schritte internetbasiert vorzunehmen – von der Erstellung der Prüfung durch die Autoren über die Validierung durch die Fachhochschulexpertinnen und die darauffolgenden Anpassungen bis zur Freigabe und zum Herunterladen der vali­dierten Prüfungsaufgaben. Das Tool wird derzeit von 140 Fachlehrerinnen genutzt, die die Prüfungen entwickeln, sowie 25 Experten, die sie validieren. Die Systemeinführung wird dadurch erleichtert, dass zunächst nur die Abschlussprüfungen in den neurechtlichen Bildungsgängen vierkantonal validiert werden. Im Prüfungsjahr 2016 sind dies fast ausschliesslich Prüfungen der Bildungsgänge der Berufsmaturität für Erwachsene (BM2). Durch die Kooperation mit der FHNW wird zugleich der in Artikel 21 des BMV formulierte Kooperationsgedanke eingelöst: «Die Fachhochschulen werden an der Vorbe-reitung und der Durchführung der Abschlussprüfungen angemessen beteiligt.» Konkret überprüfen die Validierungsexperten die von den Autorenteams hochgeladenen Prüfungen nach einem ein- heitlich festgelegten Kriterienkatalog. So müssen sie unter anderem die Einhaltung der formalen Vorgaben aus dem Rahmenlehrplan, das Anspruchsniveau und die inhaltliche Korrektheit der Aufgaben, die Notationen und Begriffe sowie die Ausgewogenheit der Prüfungsaufgaben kontrollieren. In einem Prüfbericht nehmen sie zu allen Punkten Stellung und geben wenn nötig auch konkrete Handlungsempfehlungen für die Überarbeitung der Prüfungsaufgaben ab. Wenn alles in Ordnung ist, gibt die Validierungsexpertin oder der Validierungsexperte die Prüfung frei. Sie kann nun von der Prüfungsleitung heruntergeladen und im Qualifikationsverfahren eingesetzt werden. Pro Prüfung fallen Kosten in der Höhe von 600 Franken an. Diese Kosten werden jenem Kanton verrechnet, welcher die Prüfung eingereicht hat und sie durchführt. Die Entwicklungs- und Betriebskosten für die Plattform, die Administration und die Qualitätssicherung werden von den vier Kantonen zu gleichen Teilen getragen. Der ganze Prozess wird von einer vierköpfigen Kommission mit Vertretungen aus allen vier Kantonen überwacht, der eine Administrationsperson mit einem 20-Prozent-Pensum zur Seite steht. In den einzelnen Kantonen sind zudem Verantwortliche für bestimmte Bereiche ernannt worden, welche die zu validierenden Prüfungen anmelden und die Erstellung der Prüfungen sicherstellen. Mit den Kantonen Zürich und Luzern konnten zwei weitere Benutzer für das Onlinetool «ValidOrg» gewonnen werden. Diese nutzen jedoch nur die Technologie und beteiligen sich nicht an der gemeinsamen Validierung.

Links und Literaturhinweise

www.lehrplaene.ch
nws.validorg.ch

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 4 | 2019 mit dem Fokus «Interkulturalität» erscheint am 23. August.