Ausgabe 06 | 2015

BERUFSBILDUNG

Detailhandel: Geringe Wertschätzung

«Ich bin nicht einfach Regalfüller»

Lernende im Detailhandel arbeiten in einem Beruf mit schlechtem Image. Um diesen Mangel an Anerkennung zu bewältigen, haben sie individuelle Strategien entwickelt – zum Beispiel eine ausgeprägte Aufstiegsorientierung oder die Identifikation mit den Waren.

Von Kerstin Duemmler, Isabelle Caprani und Alexandra Felder (EHB IFFP IUFFP)

Der Detailhandel wird unterschätzt. Unter dieser geringen Wertschätzung leiden Lernende in Lebensmittelgeschäften besonders. (Bild: SDBB/Iris Krebs)

Der Detailhandel wird unterschätzt. Unter dieser geringen Wertschätzung leiden Lernende in Lebensmittelgeschäften besonders. (Bild: SDBB/Iris Krebs)

Nicht jeder Beruf geniesst die gleiche gesellschaftliche Wertschätzung. Es gibt Berufe, die viele für erstrebenswert halten, und Berufe mit weniger Prestige. Das Prestige eines Berufes ist eine Kombination aus dem Wissen und den Kompetenzen, die für dessen Ausübung als notwendig angesehen werden, sowie den damit verbundenen Privilegien wie Einkommen oder Autorität.

Erfahrung geringer Wertschätzung

Wie erleben Lernende einen Ausbildungsberuf, der ein eher niedriges Prestige hat? Und wie bewältigen sie berufliche Erlebnisse, in denen sie die geringe gesellschaftliche Wertschätzung erfahren? Ein Forschungsprojekt zur beruflichen Identitätsentwicklung während der beruflichen Grundbildung ist diesen Fragen am Beispiel Lernender im Detailhandel nachgegangen. Dafür wurden vier Berufsfachschulklassen aus drei Kantonen über mehrere Wochen begleitet, Gruppendiskussionen geführt und 25 ausgewählte Lernende persönlich interviewt. Viele Lernende berichten, dass ihr Beruf von Aussenstehenden – Kundinnen, Kollegen oder Familienangehörigen – oft als «einfach» angesehen wird. Dafür brauche es keine spezifische Ausbildung oder Kompetenzen, heisse es, jeder könne diesen Beruf ausüben, da man hauptsächlich an der Kasse arbeite, Regale auffülle oder die Verkaufsfläche im Blick behalte. Diese Vorurteile gegenüber dem Detailhandel zeigen den Lernenden eine geringe persönliche Wertschätzung und vermitteln ihnen das Gefühl, wenig begabt, kompetent und ambitioniert zu sein – Lernende, die nichts Besseres gefunden haben. Unter dieser geringen Wertschätzung leiden Lernende in Lebensmittelgeschäften besonders. Celine berichtet, dass Kolleginnen aus der Sekundarschule gelacht hätten, als sie von ihrer Lehrstelle in einem Supermarkt erfuhren. Ihre Tätigkeit gilt als Prototyp «des einfachen Verkaufsjobs» – ungeachtet der Tatsache, dass Supermärkte teilweise hohe Ansprüche an ihr Personal stellen, da für das intensive Produktmanagement erweiterte Kompetenzen und ein ausgeprägtes Engagement benötigt werden.

Aufstiegsorientierung

Angesichts des geringen Berufsprestiges entwickeln viele Lernende im Detailhandel eine bemerkenswerte Aufstiegsorientierung, die sie aber weg vom gelernten Beruf führt. Viele planen, nach dem EFZ eine weitere Lehre in Angriff zu nehmen oder Weiterbildungen in anderen Bereichen zu absolvieren. Andere sagen, dass sie zumindest im Detailhandel etwa als Filialleiter/in aufsteigen oder gar ein eigenes Geschäft eröffnen wollen. Diese Karriereorientierung ist nicht nur durch die gesellschaftliche Geringschätzung des Berufes motiviert, sondern auch durch die eher negativ bewerteten Arbeitsbedingungen. Edith zum Beispiel sagt: «Die Kunden haben keinen Respekt mehr vor uns. Das ist schade, denn ich denke, es wird immer weniger Leute geben, die diesen Beruf machen wollen. Denn zum einen sind wir schlecht bezahlt, zum anderen ist der Beruf anstrengend.» Auch sie arbeitet in einem Lebensmittelgeschäft. Viele Lernende kompensieren das geringe Prestige ihres Berufes zudem damit, dass sie sich auf die Verkaufsprodukte konzentrieren und ein ausgesprochenes Interesse für deren Details entwickeln. Sie sehen sich nicht einfach nur als beliebiger Verkäufer, sondern als Fachperson beispielsweise für Elektronikartikel, Pflanzen oder Mode. Sabine zum Beispiel sagt: «Ich bin nicht so wie gewisse andere, die irgendwie sagten: ‹Ich will Detailhandelsfachfrau werden.› Ich habe das einfach gewählt, weil es halt was mit Parfüm zu tun hatte.»

Abgrenzung zu gering qualifiziertem Personal

Für ihren Expertenstatus erhalten diese Lernenden häufig soziale Anerkennung aus ihrem Umfeld, denn ihr Wissen über die neuesten oder besten Produkte ist kostbar. Häufig geben sie Kaufberatungen für Freunde oder Familie ausserhalb ihrer Arbeitszeit. Manchmal hilft auch das Prestige der Produkte – begehrte Elektronik- oder Sportartikel zum Beispiel oder die Möglichkeit, über neustes Wissen zu verfügen. Für einige wirkt auch das Prestige des Geschäftes kompensatorisch. Nicht selten tragen die Lernenden untereinander kleine Schlachten im Klassenzimmer darüber aus, welches Geschäft denn nun besser sei. Am häufigsten bewältigen die Lernenden ihr geringes Berufsprestige schliesslich damit, dass sie sich auf ihre beruflichen Kompetenzen konzentrieren. Ihre Stärken liegen vor allem im Expertenwissen über Produkte und in der Betreuung von Kundinnen und Kunden – Dinge also, die sie sich in einer dreijährigen Lehre erst einmal aneignen müssen. Vielen Lernenden ist es daher wichtig klarzustellen, dass ihr Beruf nicht von irgendeiner Person ausgeführt werden kann. Marcel: «Ich sage immer, ich bin Detailhandelsfachmann und arbeite in der Möbelbranche. Dann fragen die Leute, ja was denn genau. Dann sage ich, ich verkaufe Betten, Möbel, einfach alles für Wohnungen, und ich muss die ganze Zeit beraten. Also ich erkläre immer, nicht dass sie denken ich fülle nur Regale auf, das ist mir wichtig. Ich bin nicht einfach ein Regalfüller, sondern ich muss was im Kopf haben, ich muss was erzählen.»

«We love Detailhandel»

Die verschiedenen Strategien ermöglichen einigen Lernenden, ihre individuelle Wertschätzung zu erhöhen und sich mit dem Beruf zu identifizieren – trotz des geringen Prestiges. Dass der Beruf allerdings häufig als Sprungbrett für andere berufliche Wege angesehen wird, zeigt, dass es den Lernenden noch nicht umfassend gelingt, einen gewissen Berufsstolz aufzubauen. Schulen und Lehrbetriebe könnten die Lernenden deshalb noch besser darin unterstützen, zum Beispiel indem sie das geringe Berufsprestige im Unterricht oder Betrieb thematisieren und bewusst hinterfragen. Bisher geschieht dies nicht systematisch, sondern nur auf Initiative einzelner Lehrpersonen. Die Gespräche mit Lernenden haben aber gezeigt, dass ein Bedarf besteht. Positiv auf die berufliche Identitätsentwicklung könnte sich insbesondere die Förderung der von den Lernenden bereits entwickelten Strategien auswirken. Denn nur wenn man auf seinen Beruf stolz sein kann, ist man auch motiviert, zu lernen und zu arbeiten. Es sollte allerdings darauf geachtet werden, dass sich die Detailhandelsbranchen, -geschäfte und -spezialisierungen (Bewirtschaftung und Beratung) nicht gegeneinander ausspielen, sondern einen gemeinsamen Berufsstolz entwickeln. Die Werbekampagne «We love Detailhandel» des Berufsverbandes Bildung Detailhandel Schweiz geht in diese Richtung. Schliesslich soll auch das vorliegende Forschungsprojekt die Schulen und ihre Lehrpersonen für diese Problematik sensibilisieren. Sie betrifft auch andere Berufe mit geringem Prestige. Gegenstand weiterer Untersuchungen bilden die Arbeitsbedingungen, die die Lernenden kritisch und belastend wahrnehmen (z. B. Stress, Flexibilität bei den Arbeitszeiten, geringes Lohnniveau). Auch die Arbeitsbelastung kann die berufliche Identitätsentwicklung beeinträchtigen.

Links und Literaturhinweise

www.ehb-schweiz.ch

Kasten

Von zwei auf drei Jahre verlängert

Der Detailhandel versammelt die zweitgrösste Zahl an Lernenden in der Schweiz. 2014 begannen 5212 Lernende in 27 Branchen (zum Beispiel Sportartikel, Möbel und Einrichtungsartikel, Supermärkte, Bekleidungsgeschäfte, Bäckereien und Konditoreien) eine berufliche Grundbildung, die zu einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) führt. Bemerkenswert am Verkaufsberuf ist, dass er erst 2003 im Zuge der Berufsbildungsreform von einer zwei- zu einer dreijährigen EFZ-Ausbildung umstrukturiert wurde. Bis dahin wurden die zu erwerbenden beruflichen Kompetenzen eher als gering eingeschätzt – ein Urteil, mit dem Lernende weiterhin zu kämpfen haben, obwohl ihr Beruf anspruchsvoller geworden ist.

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