Ausgabe 04 | 2015

BERUFSBERATUNG

Sekundarstufe I und II

Hartnäckige Selektionseffekte

Das besuchte Anforderungsniveau auf der Sekundarstufe I stellt die Weichen für den Ausbildungstyp auf der Sekundarstufe II. Dabei sind nicht nur leistungsbezogene Kriterien ausschlaggebend. Die soziale und nationale Herkunft spielt immer noch eine bedeutende Rolle.

Von Irene Kriesi, Eidgenössisches Hochschulinstitut EHB IFFP IUFFP, Ariane Basler und Marlis Buchmann, Jacobs Center for Productive Youth Development, Universität Zürich

Die Schweiz hat im internationalen Vergleich ein stark ausdifferenziertes und hierarchisch gegliedertes Sekundarschulsystem mit verschiedenen Leistungsniveaus. Die international vergleichende Bildungsforschung weist nach, dass die soziale Herkunft via Bildung und Sozialstatus der Eltern in solchen Bildungssystemen einen besonders starken Einfluss auf den erreichten Ausbildungsabschluss der Kinder hat. Im Rahmen einer ländervergleichenden Studie wurde für die Schweiz untersucht, welche Bedeutung die soziale Herkunft, der Schultyp auf der Sekundarstufe I und die Schulleistungen für die Entscheidung haben, ob Jugendliche in eine berufliche Grundbildung mit tiefen/mittleren intellektuellen Anforderungen, eine Grundbildung mit hohen intellektuellen Anforderungen, eine Fachmittelschule oder ein Gymnasium übertreten.

Weichenstellung mit langfristigen Konsequenzen

Die Studie verwendet Daten der schweizerischen Kinder- und Jugendlängsschnittstudie COCON, welche die Bildungsverläufe und Lebensbedingungen von rund 3000 Kindern und Jugendlichen erhebt. Ausgewählt wurden Jugendliche, die zum ersten Erhebungszeitpunkt (2006) 15 Jahre und zum letzten (2012) 21 Jahre alt waren. Gut 41 Prozent dieser Jugendlichen beginnen eine berufliche Grundbildung mit tiefen oder mittleren und 22 Prozent eine solche mit hohen Anforderungen. Etwa 26 Prozent treten in ein Gymnasium und 8 Prozent in eine Fachmittelschule ein. Diese Weichenstellung auf der Sekundarstufe II hat langfristige Konsequenzen, da die Möglichkeiten für eine spätere Tertiärausbildung vor allem für Jugendliche mit weniger anspruchsvollen beruflichen Grundbildungen deutlich schlechter sind als für die übrigen Jugendlichen. Der Übertritt in eine berufliche Grundbildung mit höheren Anforderungen (im Vergleich zu Übertritten in berufliche Grundbildungen mit tiefen/mittleren Anforderungen) wird am stärksten davon beeinflusst, ob die Jugendlichen einen anspruchsvollen Schultyp auf der Sekundarstufe I besucht haben und gute Mathematiknoten vorweisen können. Jugendliche mit Migrationshintergrund haben allerdings auch bei guten Schulleistungen deutlich geringere Chancen als Einheimische, eine anspruchsvolle Berufsausbildung zu absolvieren. Fachmittelschulen werden typischerweise von jungen Frauen aus sozial gut gestellten Elternhäusern besucht, die auf der Sekundarstufe I einen Schultyp mit hohen Anforderungen absolviert haben, allerdings nicht mit überdurchschnittlichen Noten. Für den Übertritt ans Gymnasium ist ein Schultyp mit hohen Anforderungen auf der Sekundarstufe I die wichtigste Voraussetzung. Auch gute Schulleistungen und Intelligenz sind wichtig, wobei Letztere nur für junge Leute entscheidend ist, deren Eltern keinen Hochschulabschluss aufweisen. Kinder hoch gebildeter Eltern gelangen unabhängig ihrer Schulleistungen und ihrer Intelligenz häufiger ins Gymnasium als Kinder aus weniger gebildeten Elternhäusern. Die soziale Herkunft wirkt sich bei allen Jugendlichen auch indirekt auf die Platzierung in der Sekundarstufe II aus: Kinder aus sozial gut gestellten Elternhäusern erbringen im Durchschnitt bessere Schulleistungen und haben grössere Chancen, einen anspruchsvollen Schultyp auf der Sekundarstufe I zu besuchen. Dies verstärkt den direkten Einfluss der sozialen Herkunft nochmals deutlich.

Berufsberatung ist gefordert

Gesamthaft zeigen die Ergebnisse, dass das besuchte Anforderungsniveau auf der Sekundarstufe I die Weichen für den Ausbildungstyp auf der Sekundarstufe II stellt. Allerdings sind nicht nur leistungsbezogene Kriterien ausschlaggebend für die Art der nachobligatorischen Ausbildung. Die soziale und nationale Herkunft spielt immer noch eine bedeutende Rolle. Dem kann die Berufsberatung entgegenwirken: Erstens kann sie Jugendliche und deren sozial gut situierte Eltern deutlich darauf hinweisen, dass auch (anspruchsvollere) Berufsbildungen sehr gute berufliche Möglichkeiten bieten. Zweitens kann sie bei fähigen Jugendlichen mit Migrationshintergrund unterstützend wirken, indem sie hohe Ambitionen stärkt. Drittens kann sie Strategien für den Umgang mit dem Handicap eines Migrationshintergrundes aufzeigen, das vor allem im Zuge der betrieblichen Rekrutierungspraxis entstehen dürfte.

Links und Literaturhinweise

Buchmann, M., Kriesi, I., Koomen, M., Imdorf, Ch., Basler, A. (erscheint demnächst): Differentiation in secondary education and inequality in educational opportunities: The case of Switzerland. In: Blossfeld, H.-P. et al. (Hrsg.), Differences in secondary education and their short- and longer-term effects on inequalities of educational opportunities. Cheltenham, Edward Elgar.

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