Ausgabe 05 | 2011

ARBEITSMARKT

Studie zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit

Die Mehrfacharbeitslosigkeit muss bekämpft werden

Veränderungen beim Risiko und bei der Dauer der Arbeitslosigkeit beeinflussen deren Entwicklung. Die Mehrfacharbeitslosigkeit hingegen wirkt als quantitativ bedeutende Konstante. Sie basiert auf strukturellen Faktoren, die es vermehrt abzubauen gilt.

Von George Sheldon. Er ist Extraordinarius für Nationalökonomie und Leiter der Forschungsstelle für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomik (FAI) am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum (WWZ) der Universität Basel.

Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz hat in den letzten zwei Jahrzehnten stark geschwankt. Anfang der 1990er-Jahre lag die Arbeitslosenquote unter einem%. 1997 schnellte sie auf über 5% hoch, fiel Anfang der 2000er-Jahre auf 2% zurück und betrug Ende Juli 2011 2,8%. Die Studie «Bestimmungsfaktoren der Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Schweiz im Zeitraum 1992–2009» hat untersucht, welche Faktoren hinter dieser Entwicklung standen. Erste Antworten liefert eine Zerlegung der Arbeitslosenquote in ihre drei konstituierenden Bestandteile:

- Arbeitslosigkeitsrisiko: das Risiko, in einem gegebenen Zeitraum von Arbeitslosigkeit überhaupt betroffen zu werden,
- Mehrfacharbeitslosigkeit: die Wahrscheinlichkeit, in einem Zeitraum wiederholt betroffen zu sein, und
- die Dauer der Arbeitslosigkeit: der durchschnittliche Verbleib im Zustand der Arbeitslosigkeit.

Einfluss verschiedener Komponenten

Welche Dimensionen für die Entwicklung der Arbeitslosenquote massgebend waren, ist arbeitsmarktpolitisch von grosser Bedeutung, da sie unterschiedliche Gegenmassnahmen nahelegen. Liegt ein Anstieg der Arbeitslosigkeit beispielsweise hauptsächlich in einem steigenden Arbeitslosigkeitsrisiko begründet, so gilt es primär, das Entstehen von Arbeitslosigkeit zu verhindern. In diesem Fall bietet sich neben konjunkturpolitischen Massnahmen vor allem eine Lockerung der Kurzarbeitsregelung an, damit Entlassungen für die Unternehmen finanziell unattraktiver werden. Wenn aber der Anstieg vornehmlich durch eine längere Dauer der Arbeitslosigkeit begründet ist, gilt es, die gewachsene Unterbeschäftigung mit Umschulung und Weiterbildung zu bekämpfen, um die Vermittlungsfähigkeit der Stellensuchenden zu steigern.

Ist hingegen in erster Linie die Mehrfacharbeitslosigkeit für den Anstieg der Arbeitslosigkeit verantwortlich, liegt das Problem nicht in einer mangelnden Vermittlungsfähigkeit, sondern in zu wenig dauerhaften Vermittlungen. In diesem Fall ist primär eine berufliche Grundausbildung gefragt, die die Beschäftigung stabilisieren kann.

Die Zerlegung der Arbeitslosenquote in ihre «Stromkomponenten» Risiko, Dauer und Mehrfacharbeitslosigkeit zeigt, dass bis 1997 Veränderungen der Arbeitslosigkeitsdauer für die Entwicklung der Arbeitslosenquote bestimmend waren, während danach das Arbeitslosigkeitsrisiko und die Dauer der Arbeitslosigkeit etwa zu gleichen Teilen zur Erklärung beitrugen. Das Ausmass der Mehrfacharbeitslosigkeit veränderte sich im Zeitablauf wenig. Sie kommt somit als Bestimmungsfaktor kaum in Betracht.

Obwohl Veränderungen der Mehrfacharbeitslosigkeit wenig dazu beitragen, die zeitliche Entwicklung der Arbeitslosenquote zu erklären, ist das Ausmass der Mehrfacharbeitslosigkeit quantitativ bedeutsam. Fast die Hälfte aller im Zeitraum 1993–2009 arbeitslosen Personen wurde dies mehr als ein Mal. Dass die Mehrfacharbeitslosigkeit im Zeitablauf jedoch wenig schwankt, weist darauf hin, dass Mehrfacharbeitslosigkeit im Wesentlichen konjunkturunabhängig beziehungsweise auf strukturelle Gründe zurückzuführen ist.

Es zeigt sich ferner, dass ein Grossteil der wiederholten Arbeitslosigkeit in einem relativ kurzen Zeitraum erfolgt. Dies ist anhand der nebenstehenden Grafik zu erkennen, die zeigt, wie viele Jahre vergehen, bis sich vormalige Arbeitslose, wenn überhaupt, beim Arbeitsamt wieder als stellenlos melden (horizontale Achse). Fast 30% aller Abmeldungen führen innerhalb eines Jahres zu einer erneuten Anmeldung (vertikale Achse). Nach fünf Jahren steigt der Anteil auf rund 50% und nach zehn Jahren auf 60%. Der Anteil von 60% lässt sich dadurch erklären, dass einzelne Personen drei, vier, fünf Mal oder einfach immer wieder arbeitslos wurden. Danach nehmen die Wiederanmeldungen kaum noch zu.

Der steile Verlauf der Kurve zu Beginn zeigt, dass der Anteil der Abmeldungen, die zu einer Wiederanmeldung führen, in abnehmenden Raten wächst. Je länger die Zeit seit der letzten Abmeldung, umso kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Wiederanmeldung noch folgt. Fast die Hälfte (= 30% gegenüber 65%) der Wiederanmeldungen erfolgt sogar innerhalb des ersten Jahres nach einer Abmeldung.

Als weitere Ursache der Entwicklung der Arbeitslosigkeit kommen Veränderungen der hinter den Stromkomponenten stehenden Bestimmungsfaktoren infrage. Dazu zählen konjunkturelle Bewegungen, Veränderungen der institutionellen Rahmenbedingungen wie etwa das Inkrafttreten des Personenfreizügigkeitsabkommens (FZA) der Schweiz mit der EU oder Veränderungen in der Zusammensetzung des Arbeitslosenbestands. Eine verstärkte Präsenz schwer vermittelbarer Personen beispielsweise verlängert die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit und erhöht somit die Arbeitslosenquote.

Konjunkturverlauf massgebend

In diesem Zusammenhang ist die Mehrfacharbeitslosigkeit nicht von Interesse, da sie sich im Untersuchungszeitraum kaum bewegt hat. Das Arbeitslosigkeitsrisiko wiederum lässt sich mangels geeigneter Daten nicht weiter untersuchen. Infolgedessen konzentriert sich die Untersuchung auf die Entwicklung der Dauer der Arbeitslosigkeit.

Hier zeigt sich, dass der Konjunkturverlauf für die zeitliche Entwicklung der Arbeitslosigkeitsdauer massgebend war. Institutionelle Veränderungen wie etwa das Inkrafttreten des FZA, die Erhöhung des Pensionierungsalters bei Frauen oder revidierte Bestimmungen der Arbeitslosenversicherungen sind weitgehend unbedeutend. Auch Veränderungen in der Zusammensetzung des Arbeitslosenbestands haben kaum Einfluss. Im Hinblick auf eine schnelle Wiedereingliederung hat sich in den letzten zehn Jahren die Zusammensetzung beim Bestand der Stellenlosen sogar gebessert. Diese bringen heute im Allgemeinen bessere Voraussetzungen mit als früher.

Wichtige Personenmerkmale

Personenmerkmale, die die Dauer der Stellensuche stark beeinflussen, sind vor allem die Nationalität, das Alter, die Art der gesuchten Tätigkeit, die Mobilitätsbereitschaft und die Wohnregion eines Stellensuchenden. So verbinden sich Kulturfremdheit, ein höheres Alter, mangelnde Mobilitätsbereitschaft oder ein Wohnort im Genferseeraum mit einer höheren Dauer, während die Suche nach einer befristeten, baugewerblichen oder landwirtschaftlichen Beschäftigung mit einer kurz dauernden Arbeitslosigkeit gekoppelt ist. Das Geschlecht oder der Bildungsstand einer Person sind eher von nachrangiger Bedeutung. Die Mehrfacharbeitslosigkeit konzentriert sich vor allem auf Kulturfremde, Beschäftigte einer saisonabhängigen Branche, Personen mit einer baugewerblichen Tätigkeit, junge Menschen, Lehrabsolventen, Niedrigqualifizierte, im Grossraum Genfersee oder Tessin wohnhafte Personen sowie auf jene, die eine befristete Beschäftigung suchen. Verschont von Mehrfacharbeitslosigkeit bleiben hingegen vor allem gelernte Arbeitskräfte, Kaderleute, Beschäftigte in Wachstumsbranchen, in einem technischen Beruf oder in Informatik-, Gesundheits-, Lehr-, Kultur- oder Wissenschaftsberufen sowie in der Zentralschweiz wohnhafte Personen.

Der Vergleich der Bestimmungsfaktoren der Arbeitslosigkeitsdauer und der Mehrfacharbeitslosigkeit zeigt interessante Querbeziehungen. Doppelt betroffen von sowohl einer langen Suchdauer als auch einer hohen Mehrfacharbeitslosigkeit sind Niedrigqualifizierte sowie Personen aus kulturfremden Ländern oder aus der Grossregion Genfersee. Doppelt verschont bleiben hingegen Gelernte und Arbeitnehmer, die in der Zentralschweiz wohnen.

Dagegen finden Personen, die eine befristete, baugewerbliche oder landwirtschaftliche Tätigkeit suchen, relativ schnell eine Stelle, die sich aber aufgrund der damit verbundenen hohen Mehrfacharbeitslosigkeit als wenig dauerhaft erweist. Umgekehrt brauchen ältere Menschen länger, um eine Stelle zu finden. Diese ist jedoch, gemessen am Ausmass der Mehrfacharbeitslosigkeit, von Dauer.

Fazit

Aufgrund der Untersuchungsergebnisse scheint es sinnvoll, der Bekämpfung der Mehrfacharbeitslosigkeit mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Eine Akzentverlagerung in der Arbeitsmarktpolitik bietet sich an. Diese versuchte bisher, die konjunkturunabhängige bzw. Sockelarbeitslosigkeit vor allem durch eine Verkürzung der Arbeitslosigkeitsdauer zu senken.

Links und Literaturhinweise

George Sheldon, 061 267 33 76, george.sheldon@unibas.ch

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