PANORAMA Ausgabe 93

Editorial

Fokus

Sie stammen aus Europa, verfügen über eine Hochschulbildung und kommen in die Schweiz, um zu arbeiten: Die neuen Immigrantinnen und Immigranten stellen ein enormes Humankapital dar. Dank ihnen kann die Schweizer Wirtschaft von Bildungsinvestitionen der Herkunftsländer profitieren. Aber die aktuelle Zuwanderung führt auch zu einer «Überschichtung» der einheimischen Bevölkerung.

Interkulturelles Übersetzen geht weit über das sprachlich korrekte Übertragen hinaus. Es ist eine kulturelle Dienstleistung, bei der die Übersetzerinnen und Übersetzer die Gesprächspartner auf Unterschiede in den Verhaltensweisen und den kulturellen oder sozialen Werten aufmerksam machen und so eine wichtige Mittlerfunktion zwischen Zugewanderten und öffentlichen Institutionen übernehmen. Zum Beispiel zwischen Schule und Elternhaus.

Jugendliche brauchen bei der Entwicklung ihrer Identität Modelle, Vorbilder, Ideale. Das kann sie dazu veranlassen, der ethnischen Herkunft eine grosse Bedeutung beizumessen. Dies wiederum gibt in Lehrbetrieben oft zu Befürchtungen Anlass. Wie unterstützt man diese jungen Menschen beim Übertritt von der Schule ins Berufsleben und achtet dabei ihre kulturellen Wurzeln?

Jugendliche aus Südosteuropa und der Türkei haben bei der Lehrstellensuche schlechtere Karten als Gleichaltrige aus der Schweiz. Lehrstellen werden in vielen Betrieben über informelle Kanäle vergeben, zu denen ausländische Jugendliche kaum Zugang haben. Das Projekt www.zukunftstattherkunft.ch will bei den Lehrbetrieben ansetzen.

Berufsbildung

In der Berufsbildung führt Intelligenz alleine nicht zum Erfolg. Ohne eine gute Motivation und ein förderndes Umfeld ist keine Leistungsexzellenz möglich. Die Studie «Hochbegabt und ‹nur› Lehrling?» zeigt, dass viele hochbegabte Jugendliche ihren «Vorsprung» im Laufe der Lehre einbüssen. Die Autorin fordert eine Begabtenförderung im Duopack: die Etablierung von Fördermassnahmen in Lehrbetriebe und Berufsfachschule.

In der Schweiz besuchen rund 14% der Lernenden eine berufliche Vollzeitschule (Deutschschweiz 9%, Westschweiz und Tessin 28%). Lehrwerkstätten und Handelsmittelschulen sind umstritten. Eine neue Untersuchung gibt Einblicke in die Auffassungen der Betroffenen. Sie zeigt etwa, dass bei Anstellungen nur ein Drittel der Arbeitgeber auf die schulischen Abschlussnoten achtet.

Berufswechsel kurz nach Abschluss einer Lehre widersprechen dem Berufsprinzip der beruflichen Bildung. Sind sie daher als problematisch einzustufen? Oder stellen sie ein harmloses Phänomen in einem Arbeitsmarkt mit hoher Mobilität dar? Eine neue Untersuchung erlaubt erste Rückschlüsse auf die verschiedenen Gründe und Auswirkungen von Berufswechseln.

Berufsbildung in Kürze

Berufsberatung

Kenntnisse über die Interessen eines Klienten gehören zu den wichtigsten Informationen in der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. Interesseninventare, zumeist in Form von Fragebögen, erfreuen sich grosser Beliebtheit – zu Recht, ist die Nützlichkeit dieser Instrumente z.B. hinsichtlich ihrer prognostischen Güte durch viele Studien belegt. Die Universitäten Wien und Zürich haben einen vielversprechenden neuen Ansatz gewagt, bei dem die beruflichen Interessen multimethodisch erfasst werden.

In der öffentlichen Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung werden praktisch keine Assessment-Center (AC) angeboten. Eine Ausnahme bildet das BIZ Zug, das mit Gruppen-Assessments so gute Erfahrungen gemacht hat, dass es seit Herbst 2008 auch Einzel-AC offeriert. Das Verfahren verlangt von den Beratenden aber einen Paradigemenwechsel, müssen sie dabei doch Beurteilungen vornehmen.

Berufsberatung in Kürze

Arbeitsmarkt

Die erfolgreiche berufliche Reintegration durch Firmen des zweiten Arbeitsmarktes bringt der öffentlichen Hand einen zählbaren Nutzen. Dies zeigt eine Untersuchung der Genfer Wiedereingliederungsfirma Réalise. Neben dem finanziellen Aspekt fallen auch die nicht direkt bezifferbaren gesellschaftlichen Auswirkungen positiv ins Gewicht.

Als Folge der Globalisierung nimmt die gesellschaftliche Vielfalt, aber auch die Reibungsfläche zu. Was für die Gesellschaft als ganzer gilt, gilt auch für heterogene Arbeitsteams. Gelingt es, die kulturellen Unterschiede zu respektieren und zu «versöhnen», gewinnen alle Beteiligten. Genau dies ist das Ziel von Diversity-Management (Management der Vielfalt), das auch in den RAV angewendet wird.

Arbeitsmarktfähigkeit (Employability) wird unter veränderten ökonomischen Bedingungen immer wichtiger. Der Kanton Aargau hat deshalb zwanzig Personalberatende aus Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) zu sogenannten Employability-Coaches ausbilden lassen. Die neuartige Methode ist lösungs- und ressourcenorientiert. Ihre Wirksamkeit wird demnächst systematisch ausgewertet.

Arbeitsmarkt in Kürze

Service

Vom 12. bis 15. Mai 2009 fand die diesjährige Studienreise statt. Sie führte unter der Leitung von Karl Giezendanner und Ernst Georg Schreckenberger in die Niederlande. 26 Teilnehmende lernten die regionalen Berufsbildungszentren und die Fachschule für Schifffahrt und Transport kennen. Sie erkundeten die Beratungsangebote und erfuhren von neuen Angeboten im Rahmen der Arbeitsmarktbehörden.