Zusammenfassungen



Lehrlingsselektion: Anspruchsvolle Lehrbetriebe
Urs Moser
Eine Studie im Rahmen des NFP 43 untersuchte die Selektionsprozesse in acht Grossbetrieben. Die Autoren begleiteten 1420 Jugendliche, die sich für eine Lehrstelle bewarben, und untersuchten die Gründe für den Erfolg einzelner Bewerberinnen und Bewerber. Es zeigte sich, dass es vorwiegend von den Ergebnissen in den Eignungstests abhängt, ob ein Bewerber für ein Assessment oder ein Bewerbungsgespräch zugelassen wird. Dabei wird vor allem aufgrund der Ergebnisse in den Subtests Mathematik und Deutsch ausgewählt; die Ergebnisse in den Fremdsprachentests sind in der Regel von weit geringerer Bedeutung.
Zur Beurteilung der Anforderungen der acht Unternehmen an die Schulleistungen der Jugendlichen wurden zudem die Ergebnisse der erfolgreichen Kandidatinnen und Kandidaten in einer Kurzversion des PISA-Tests mit den Ergebnissen der Deutschschweiz im PISA-Test 2000 beurteilt. Der Vergleich ergab, dass die gestellten Anforderungen der acht Unternehmen zum Teil sehr hoch sind. Auf dem

Warum Betriebe keine Lehrlinge ausbilden
Samuel Mühlemann, Jürg Schweri, Stefan C. Wolter
Rund 70 Prozent der ausbildungsfähigen Betriebe bilden keine Lehrlinge aus. Der Grund dafür liegt darin, dass sich die Ausbildung für diese Betriebe finanziell nicht lohnt, wie eine neue Studie ergeben hat. Die Studie schliesst an die Untersuchung «Kosten und Nutzen der Lehrlingsausbildung aus Sicht der Schweizer Betriebe», die in PANORAMA 2/2003 vorgestellt worden ist. (www.panorama.ch/32/spectrum.html).
Dabei sind es nicht etwa zu hohe Bruttokosten, die viele Betriebe hindern, Lehrlinge auszubilden. Vielmehr fällt der zu geringe, erwartete Nutzen massiv ins Gewicht; zwischen ausbildenden und nicht-ausbildenden Betrieben besteht hier ein Unterschied von 60'000 Franken (Grafik 2). In diesen Betrieben können die Lehrlinge zu wenig produktiv eingesetzt werden. Ursache dafür können sowohl die Spezialisierung der Tätigkeiten in den Betrieben als auch die Grösse des Betriebes sein. Die Studie zeigt, dass die Ausbildungsneigung praktisch linear mit der Firmengrösse steigt.
Vorschläge: Insbesondere im Falle von Klein- und Kleinstbetrieben müsste darauf geachtet werden, dass ein Lehrling nur während jener Phasen im Betrieb beschäftigt und ausgebildet wird, in denen sein Einsatz auch betriebswirtschaftlich Sinn macht. Für eine gesamte Lehre müssten sich deshalb zwei oder drei Betriebe zusammenschliessen, um einen Lehrling zu betreuen. Die Rolle des Staates sollte weniger in der Besteuerung und der Umverteilung von Finanzmitteln liegen als in der eines «Brokers», der ausbildungswillige Betriebe zu einem ausbildungsfähigen Verbund zusammenschliesst.
DF

Die Website www.orientation.ch in neuem Gewand
Pierre Bernasconi
Das 1998 eröffnete und im Rahmen der LstB 1 und 2 eingerichtete dreisprachige Internetportal der Schul- und Berufsberatung «www.orientation.ch» erscheint in völlig neuem Gewand. Die in den Schweizer Bildungsserver www.educa.ch integrierte neue Version, die seit 8. Dezember 2003 online ist, zeichnet sich durch eine völlige Neugestaltung der Struktur und der redaktionellen Inhalte aus. Den Surfenden stehen vier Hauptmenüpunkte zur Verfügung: Berufswahl, Studium, Laufbahn und Suche.
YMR/MR

Die Schul- und Berufsberatung als Bindeglied zwischen den Kulturen
Yvonne-Marie Ruedin
In der Schweiz, vor allem in Genf, leben viele Fremde. Auch sie wenden sich an das kantonale Amt für Schul- und Berufsberatung, wenn sie eine schulische oder berufliche Ausbildung planen oder sich eingliedern wollen.
Diese Ratsuchenden können in zwei grosse Gruppen unterteilt werden: Bereits in eine Schule integrierte junge Immigrantinnen und Immigranten einerseits und erwachsene Asylsuchende oder Flüchtlinge mit und ohne bei uns anerkannte Qualifikationen andererseits.
Die Genfer Schul- und Berufsberatung bietet keine spezielle Betreuung oder Dienstleistung für diese Population, sondern sie versucht, bei ihrer Arbeit die Merkmale der Herkunftskultur dieser Ratsuchenden so weit wie möglich zu berücksichtigen. Ihr Arbeitsgrundsatz lautet, sich die Kultur der anderen «aneignen».
Für schwierigere Situationen, z.B. bei mangelnden Französischkenntnissen oder Traumata aufgrund von Krieg oder unsicheren Verhältnissen im Herkunftsland stehen professionelle Dolmetscherinnen und Dolmetscher des Genfer Roten Kreuzes oder speziell ausgebildete Fachkräfte des Vereins Appartenances zur Verfügung.
Angesichts der prekären rechtlichen Lage hat man bei der Lösungssuche stets eine künftige Rückkehr im Auge, d.h. man versucht, die Jugendlichen in einem Beruf auszubilden, den sie auch in ihrem Heimatland ausüben können.
YMR/MR

Handfeste Diskriminierung
Thomas Meyer
Wie verlaufen die Berufsbiografien der Jugendlichen, die im Jahr 2000 im Rahmen von PISA befragt worden sind? Im Rahmen der Folgeuntersuchung TREE (Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben) geht man dieser Frage nach. Während mindestens sieben Jahren zeichnet TREE (mit jährlichen Nachbefragungen) die Laufbahnen nach, welche die rund 6000 untersuchten Jugendlichen nach Austritt aus der obligatorischen Schule einschlagen.
Erste Ergebnisse liegen seit geraumer Zeit vor. Sie zeigen, dass der Besuch einer bestimmten Schulstufe die Jugendlichen bei der Lehrstellensuche diskriminiert – unabhängig von der Leistungsfähigkeit der Betroffenen (vgl. PANORAMA 33 oder pan3328 in www.infopartner.ch/referenz). Eine weitere Teilauswertung zeigt nun, dass auch die sozioökonmische Herkunft der Jugendlichen einen wichtigen Faktor für Erfolg oder Misserfolg etwa bei der Lehrstellensuche darstellt. Er ist wichtiger als der Migrationshintergrund, der bei gleichen Fähigkeiten gegenüber der sozialen Stellung als statistische Einflussgrösse zunehmend vernachlässigbar wird (Ramseyer und Brühwiler 2003). So stellt TREE namentlich für balkanstämmige Jugendliche deutliche Zugangsbarrieren zu Berufsausbildungen fest, insbesondere bei Lehren mit tiefem bis mittlerem Anforderungsniveau. Ein erklecklicher Prozentsatz der Betroffenen berichtet gegenüber TREE zudem von handfester Diskriminierung.
DF

Projekte auf Bundesebene zur Integration
Theres Egger
Die Eidgenössische Ausländerkommission (EKA) hat am 7. November 2003 die Studie «Integration und Arbeit» vorgestellt. Sie leitet daraus eine Reihe von Empfehlungen ab, die auch die Tätigkeit der Berufsberatung und regionalen Arbeitsvermittlungs-Stellen betreffen (siehe www.eka-cfe.ch/f/publikation.asp). Zentral ist eine zielgruppengerechte Berufsberatung, die der besonderen Situation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und ihren Eltern gerecht wird. Das erfordert eine Qualifizierung der Beratenden in kultur- und migrationsspezifischen Fragen. Das Bildungs- und Berufsbildungssystem muss zudem geeignete Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Die EKA fordert die kantonalen Erziehungsdirektionen, Bildungsinstitutionen und Berufsverbände auf, Programme zur Unterstützung von Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten und neu zugezogenen Jugendlichen sowie zweckmässige Brückenangebote auf Sekundarstufe I und II anzubieten.
Der Bund hat zudem ein «Schwerpunkteprogramm für die Jahre 2004 bis 2007» zur Förderung der Integration von Ausländerinnen und Ausländern erlassen. Die Schwerpunkte B und E erlauben auch eine Förderung von Integrationsprojekten im Berufsbildungsbereich. Unterstützung könnten auch Projekte von Berufsberatungsstellen und RAVs erhalten, wenn sie der Innovation und Qualitätssicherung dienen (Schwerpunkt E). Einblick in das Programm bietet www.eka-cfe.ch/d/doku/prioritaetenordnung_d.pdf. Weitere Auskünfte erteilt das Sekretariat der EKA, eka-cfe@imes.admin.ch. Zuständig ist Christof Meier.
DF

Jugendliche Ausländer sind nicht anders
Hans Orler
Jugendliche Ausländer und Ausländerinnen sind gewaltbereit, schlecht zu motivieren, konsumorientiert, leistungsschwach und nicht integrationswillig, lautet ein oft gehörtes Urteil. Dies ist blanker Unsinn. Ausländische Jugendliche verhalten sich kaum anders als schweizerische. Wenn sie sich unterscheiden, dann zeigt sich das am ehesten in einer stärkeren Gruppenorientierung und grösserer Impulsivität. Sie drücken ihre Emotionen teilweise spontaner, körpersprachlicher und szenischer aus – nicht aggressiver, wie man meinen könnte.
Dennoch gibt es aufgrund der kulturellen Unterschiede einige Punkte zu beachten, von denen zwei besonders wichtig scheinen:
Unterschiedliche Erwartungen. Recht häufig kommt es vor, dass jugendliche Ausländerinnen und Ausländer gleichsam in zwei Welten aufwachsen. Zu Hause müssen sie den Erwartungen ihrer Herkunftswelt, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit denen der Geschäftswelt genügen. Dies führt häufig zu Überforderung oder einer gewissen Zerrissenheit, die sich in Lern- und Arbeitsstörungen äussern kann.
Externale Ursachenzuschreibung. Recht häufig schieben jugendliche Ausländer bei Schwierigkeiten die Schuld anderen zu. Die anderen haben etwas gegen mich, weil ich Ausländer bin, heisst es dann. Es kommt mir manchmal vor, als ob eine erhöhte Wachsamkeit dem Umfeld gegenüber vorhanden wäre, die sie selber mit den kriegerischen Auseinandersetzungen in ihren Heimatländern erklären. Dazu kommt sicher, dass Fremdsein und Anderssein auf beiden Seiten immer eine gewisse Vorsicht – sprich Abwehrhaltung – auslöst. Jugendliche mit verstärkt externaler Ursachenzuschreibung sollte man besonders korrekt behandeln.
DF

Elternabende mit Begleitung
Bruno Rütsche
Die Luzerner Fachstelle für die Beratung und Integration von Ausländerinnen und Ausländern FABIA hat das Konzept eines Informationsabends zum Thema Berufslehre entwickelt, bei dem Lehrpersonen und Berufsberatung mit der interkulturellen Vermittlung zusammenarbeiten. Damit wird erfolgreich dem Problem begegnet, dass Eltern von ausländischen Jugendlichen oft mangelhaft Deutsch sprechen.
DF

Wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist
Claudio Nodari
Die wenigsten Berufslehren erfordern nur annähernd perfekte Deutschkenntnisse. Ein Beweis sind die Studierenden aus der italienisch- oder französischsprachigen Schweiz an der ETH Zürich, die trotz mangelhafter Deutschkenntnisse ihr Studium erfolgreich abschliessen können.
Dennoch wird in vielen Tests zur Lehrlingsselektion den Sprachkenntnissen ein hoher Stellenwert eingeräumt. Das ist Unsinn. Die für die Tests verantwortlichen Verbände sind aufgerufen, diese sprachformalen Prüfungen abzuschaffen. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb ein Jugendlicher für eine Berufslehre ungeeignet ist, wenn er Fehler im Dativgebrauch oder im Satzbau macht.
Hingegen sind für eine Vielzahl von Berufslehren strategische Kompetenzen wichtig, zum Beispiel im Lesen und Verstehen von Texten. PISA zeigte, dass in der Deutschschweiz jeder fünfte Jugendliche (die Hälfte davon Schweizer) einen einfachen Text nicht verstehen kann. Die Berufsschulen haben dieses Problem erkannt; an der Baugewerblichen Berufschule Zürich etwa ist ein Projekt zur Förderung der Lese- und Schreibkompetenz in Gang. Die wichtigsten Ansätze sind:
1. Sprachförderung findet in jeder Unterrichtsstunde statt, in der gelesen und geschrieben wird, also auch im Fachunterricht.
2. Die Lehrpersonen erwerben das didaktische Know-how, um Sprachförderung zielgerichtet in den Unterricht einbinden zu können.
3. Die Berufslernenden haben die Möglichkeit, an Fördermodulen teilzunehmen und gezielt bestimmte Fertigkeiten zu üben, so die Techniken des Leseverstehens oder das Schreiben.
4. Viele Fachlehrmittel weisen eine sehr komplizierte Sprache auf. Hier sind viele Verbesserungen möglich.
DF

Elternarbeit der Berufsberatung Bern
Monika Lichtsteiner Müller
Die Berufsberatung im Kanton Bern legt einen Schwerpunkt in der Information und Motivation der ganzen Familie. Sie bietet seit 2002 Führungen an der Berner Ausbildungsmesse BAM in verschiedenen Sprachen, ein Angebot, welches das Lehrstellenprojekt 16+ im letzten Jahr übernommen hat und an Berufsschauen verschiedener Kantone aufbaute.
An den Führungen an der BAM erleben die Eltern, dass es in der Schweiz viele verschiedene Berufe gibt, die man erlernen kann. Im Rahmen der Führungen ist es aber nicht möglich, weiter gehende Informationen über das konkrete Vorgehen bei Berufswahl und Lehrstellensuche und über Brückenangebote und Bildungssystem zu vermitteln. Deshalb entwickelt die Zentralstelle Bilder, Geschichten und einen Leitfaden für Familienveranstaltungen, die im Frühling 2004 in einem Pilotprojekt in Biel-Bienne und Burgdorf von den BIZ der jeweiligen Region zusammen mit einer Berufsfachschule und Sprach- und Kulturvermittelnden angeboten werden. Eingeladen werden Familien mit Kindern ab der 7. Klasse. Die Hilfsmittel für die Veranstaltungen umfassen konkrete Geschichten von Jugendlichen zu den Themen Berufswahl, Lehrstellensuche, Brückenangebote, 2-, 3- und 4-jährige berufliche Grundbildung. Eingeflochten in die Geschichten sind auch die Angebote der Berufsberatung und das Bildungssystem der Schweiz, das in einer Landschaft dargestellt ist. Der Leitfaden und die Beschriftungen der Bilder werden ins Französische übersetzt.
DF

Evaluation der Berufsberatung: Ein mehrdimensionaler Ansatz
Elisabeth Leo-Dupont, Anne-Laure Sermier
Nach 40 Jahren Tätigkeit im Bereich Humanressourcen und Berufsberatung beschloss das Centre Dupont im Jahr 2002, einen weiteren Schritt im Qualitätsmanagement zu tun und das speziell für Dienstleistungsunternehmen entwickelte Modell «Cycle de la Qualité» (CYQ) (Averous, 1998) anzuwenden. Da das Modell auf einer doppelten Messung der Qualität beruht, führte das Centre Dupont zwei Studien durch: Die eine untersuchte die Übereinstimmung zwischen der vom Unternehmen tatsächlich erbrachten Dienstleistung und derjenigen, die es erbringen wollte, die andere die Zufriedenheit, d.h. die Diskrepanz zwischen dem von der Klientel erwarteten Service und ihrer Wahrnehmung von der gebotenen Leistung.
Die Resultate der zwei parallel durchgeführten Studien sind sehr ermutigend: So schlugen 80 % der befragten Jugendlichen eine der empfohlenen Richtungen ein; 90 % waren der Meinung, die Beratungsperson habe ihnen zugehört und sie verstanden. Sie gaben auch an, der Besuch im Centre Dupont habe indirekte positive Auswirkungen gehabt: Ihr Wissen über sich selbst und/oder ihr Selbstvertrauen sei gestiegen, sie seien neu motiviert.
Die beiden Studien sind insofern komplementär, als sie sich auf unterschiedliche Daten stützen: Die eine vergleicht objektive Daten, während die andere die subjektive Meinung der Klientel untersucht. Auch ihr zeitlicher Rahmen ist unterschiedlich: Um zu prüfen, ob die Jugendlichen einen der empfohlenen Wege beschritten haben, ist ein gewisser Abstand notwendig; die Messung der Zufriedenheit hingegen erfordert, dass sich die Betreffenden präzise an die Beratung und ihren Ablauf erinnern.
YMR/MR

Wissenschaft und Praxis ziehen am selben Strick
Viktor Moser
In einem Interview mit PANORAMA unterstreicht Werner Aeberhardt, Chef Ressort Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik beim Staatssekretariat für Wirtschaft (seco), die Bedeutung einer engeren Zusammenarbeit von Arbeitsmarkt-, Sozial- und Finanzpolitik.
Einen hohen Stellenwert misst Aeberhardt auch verschiedenen aktuellen und zukünftigen Arbeitsmarktstudien bei. So hat der Basler Arbeitsmarktforscher George Sheldon mit einer neuen Untersuchungsmethode erstmals die absolute Wirksamkeit der Vermittlung durch die regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) feststellen können. Mit einer verfeinerten Datenbasis sollte es in Zukunft auch möglich sein, die Ursachen von Erfolgen resp. Misserfolgen herauszufinden.
Nachdem alle Interessierten in den Forschungsprozess mit einbezogen worden waren, wurden für die zweite Runde von Arbeitsmarktstudien folgende vier Schwerpunkte aufgenommen: 1. Die Verbindungen zwischen betrieblichen Massnahmen und Prozessen einerseits und den Wirkungen im Sinne des Arbeitslosenversicherungsgesetzes (AVIG) anderseits. 2. Makroökonomische Wirkungen der Arbeitsmarktpolitik. 3. Psycho-soziale Nebenwirkungen der Arbeitsmarktpolitik. 4. RAV-Beratungsstrategien und deren Wirksamkeit.
Ein besonderes Augenmerk soll auf die arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM) gelegt werden. Durch eine vertiefte Betrachtung von Ursache und Wirkung erhoffen sich die Verantwortlichen differenziertere Ergebnisse, als dies in der Evaluationsrunde der Fall war.
VM

Bankkader nutzen neues Abgebot
Yves Perrin
Innerhalb eines Jahres hat im Kanton Genf die Zahl der Stellensuchenden im Finanzdienstleistungssektor ungefähr um die Hälfte zugenommen. Davon sind zwanzig Prozent Kaderangehörige, welche hoch qualifiziert und sehr spezialisiert sind. Ihre Mobilität und damit auch ihre Chancen für einen Wiedereinstieg sind daher eingeschränkt.
Als Antwort auf die prekäre Situation hat der Kanton Genf am 15 September 2003die Plattform »Cadre Finance Carrière” ins Leben gerufen. Hauptziel dieser bisher einmaligen Dienstleistung ist es, die berufliche Mobilität der Kaderleute zu verbessern und den Arbeitsmarkt im Sektor »Banken und Finanzen” transparenter zu gestalten.
Die Trägerschaft besteht aus öffentlichen und privaten Instanzen. Finanziert wird die Plattform je zur Hälfte vom Kanton und von der »Fondation Genève Place Financière”.
Wer »Cadre Finance Carrière” in Anspruch nimmt, erhält Informationen und Dokumentationen zur Selbsthilfe. Eine eigentliche Vermittlungstätigkeit ist nicht vorgesehen. Die Beratung zeigt verschiedene Handlungsvarianten auf: Standortbestimmung und Potenzialanalyse, Überblick über Stellenangebote im Internet, Unternehmensgründung, Umschulung und Weiterbildung.
In den ersten zwei Monaten haben sechzig ehemalige oder aktive Kaderleute von der Dienstleistung Gebrauch gemacht. Der idealtypische Ratsuchende ist 42 Jahre alt, verfügt über 20 Jahre Berufserfahrung und eine universitäre Ausbildung und war in fünf verschiedenen Stellen tätig.
Da das Angebot ein starken Bedürfnis entspricht, wollen die politische Behörden zusammen mit den Berufsverbänden die Dienstleistung auf alle Kaderangehörigen am Kanton Genf ausdehnen.
VM

Österreich Arbeitsmarktservice
Simon Röthlisberger
1994 wurde in Österreich die öffentliche Arbeitsverwaltung grundlegend reformiert. Das neu gegründete Arbeitsmarktservice (AMS) wurde zu einer modernen Dienstleistungsinstitution, die von der Organisationsstruktur her gewisse Ähnlichkeiten mit einer Kapitalgesellschaft aufweist.
Ein wichtiges Merkmal der Strukturreform ist ein bundesweit eingeführtes System, welches über quantitative Zielvereinbarungen die Wirksamkeit der AMS-Geschäftsstellen zu steuern versucht. Es enthält zum einen längerfristige Zielvereinbarungen als strategische Schwerpunkte der Arbeitsmarktpolitik. Zum andern werden in einem Verhandlungsprozess zwischen der Bundesstelle und den Landesstellen acht kurzfristige Tätigkeitsschwerpunkte formuliert, die in jährliche Zielvereinbarungen eingehen. Die Erreichung dieser arbeitsmarktpolitischen Ziele wird durch den Vergleich von Ziel- und Ist-Werten überprüft.
Das zweite wichtige Merkmal der Reform ist die verstärkte Kundenorientierung. Bei der Anmeldung werden die Kunden nach Problemlage und Betreuungsbedarf getrennt, bevor man ihnen entsprechende Dienstleistungsangebote unterbreitet. In der «Info-Zone» wird den Arbeitsuchenden ein Basispaket aus Information, Vermittlungsunterstützung und Existenzsicherung geboten. In der «Service-Zone» erhalten Personen mit relativ geringem Betreuungsbedarf und Anspruch auf Lohnersatzleistungen Jobvermittlung und Existenzsicherung aus einer Hand. Kunden, die einen erhöhten Beratungsbedarf aufweisen, werden in der «Beratungszone» von speziell geschulten Beratern bedient.
VM

Prekäre Arbeitsverhältnisse
Michael Marti, Stephan Osterwald
Prekäre Arbeitsverhältnisse zeichnen sich durch eine besonders grosse Unsicherheit in zeitlicher oder ökonomischer Hinsicht bzw. durch mangelnden Arbeitnehmerschutz aus, wobei es zu berücksichtigen gilt, dass nicht jedes unsichere Arbeitsverhältnis auch prekär ist: Arbeitnehmende können einen Nutzen daraus ziehen, wenn die Unsicherheit durch eine Risikoprämie (höherer Lohn oder freiere Zeitplanung) abgegolten wird.
In der Schweiz gab es im Jahr 2002 rund 150'000 prekäre Arbeitsverhältnisse; 3.8 Prozent der Erwerbstätigen sind davon betroffen. Rund vierzig Prozent betreffen Arbeit auf Abruf. Weil in den meisten prekären Arbeitsverhältnissen weniger als vierzig Wochenstunden gearbeitet wird, werden demgegenüber in ihnen nur 2.1 Prozent des Arbeitsvolumens geleistet. Eine Analyse nach Wirtschaftsklassen zeigt, dass überdurchschnittlich viele prekäre Arbeitsverhältnisse bei Tätigkeit in privaten Haushalten (z.B. Haushaltshilfe), im Gastgewerbe, in der Landwirtschaft und in den sonstigen Dienstleistungen (u.a. Entsorgungswesen, Unterhaltung/Kultur/Sport, persönliche Dienstleistungen) vorkommen.
Die Entwicklung in den 1990er-Jahren zeigt keinen Trend, sondern bewegt sich um ein Jahr verzögert mit den Arbeitslosenzahlen. Diese beachtliche Konjunktursensibilität gilt es genauer zu untersuchen: Verhindern prekäre Arbeitsverhältnisse in konjunkturell schlechten Zeiten in erster Linie zusätzliche Arbeitslosigkeit oder nützen die Arbeitgeber ihre stärkere Verhandlungsposition aus?
VM

Arbeit auf Abruf kaum prekär
Fred Henneberger
Fast 200'000 Personen oder ungefähr 5.4 Prozent aller Erwerbstätigen leisteten 2002 Arbeit auf Abruf im Rahmen einer Haupterwerbstätigkeit. Weitere 35'000 Beschäftigte hatten ein entsprechendes Arbeitsverhältnis innerhalb eines Nebenerwerbs (20.5 Prozent aller Nebenerwerbstätigen). Diese Zahlen gehen aus einer Untersuchung hervor, die der St. Galler Oekonome Fred Henneberger auf der Basis der schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) durchgeführt hat. Unter Arbeit auf Abruf verstehen wir eine Form von Teilzeitarbeit, bei der die einzelnen Arbeitseinsätze unbestimmt sind und jeweils entweder einseitig vom Arbeitgeber oder durch Parteivereinbarung festgelegt werden.
Überproportional stark unter Arbeit-auf-Abruf-Leistenden sind Frauen mit Kindern, Personen mit niedrigem Ausbildungsniveau und Stellensuchende vertreten. In der überwiegenden Mehrheit handelt es sich um Anstellungen im Dienstleistungssektor. Über die Hälfte verfügt über kein garantiertes Minimum an Arbeitsstunden.
Zwischen Arbeit-auf-Abruf- und Nicht-Arbeit-auf-Abruf-Verhältnissen besteht in beiden Richtungen ein hohes Mass an Mobilität, und zwar in den meisten Fällen beim selben Arbeitgeber.
Die Löhne sind bei Arbeit auf Abruf ungefähr zwanzig Prozent niedriger als bei «normalen» Arbeitsverhältnissen. Diese Differenz ist jedoch nicht auf die Vertragsform zurückzuführen. Keine Abweichungen gegenüber anderen Arbeitnehmenden sind bei der Arbeitszufriedenheit und bei den Motiven für einen Stellenwechsel festzustellen.
Die Studie liefert insgesamt keine Anhaltspunkte, dass Arbeit auf Abruf ein besonders prekäres Arbeitsverhältnis sei.
VM

Stellensuchende fördern Wirtschaft
Marco Gitermann
Mit dem Programm innovation.tank hat die Zürcher Denkfabrik Seymar GmbH eine arbeitsmarktliche Massnahme (AMM) für hoch qualifizierte Stellensuchende lanciert. Im Auftrag des Amtes für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich (AWA) wurde letztes Jahr ein Pilotprojekt durchgeführt.
Die Kernidee von innovation.tank besteht darin, das Wissen von erwerbslosen Fach- und Führungspersonen für innovative Impulse zugunsten von kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) nutzbar zu machen. Während sechs Monaten entwickeln interdisziplinär zusammengesetzte Teams von Stellensuchenden in Zusammenarbeit mit interessierten KMU praxisnahe Innovationsprojekte. Die in der Pilotphase bearbeiteten Projekte waren ausgesprochen vielfältig.
Eine von einer externe Firma durchgeführte Evaluation zeigt eindeutig auf, dass das Programm sowohl für die Stellensuchenden wie auch für die beteiligten KMU einen grossen Nutzen brachte. Die Unternehmen hatten ausnahmslos verwertbare Ergebnisse erhalten. Für die Stellensuchenden hat die Arbeit an konkreten Projekten neue Horizonte geöffnet, die berufliche Mobilität verbessert und wertvolle Kontakte ermöglicht.
Das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen Bezugsgruppen (Stellensuchende, KMU, RAV, Beirat) hat sich bewährt. Wörtlich hält die Evaluation fest: «Insgesamt ist es der Seymar GmbH innerhalb kurzer Zeit gelungen, ein anspruchsvolles Programm für gut qualifizierte, Stellen suchende Führungskräfte in guter Qualität durchzuführen.»
Im Kanton Zürich startet der nächste innovation.tank am 1. März 2004. Das Programm soll auch in anderen Kantonen angeboten werden.
VM

Porträt Marie-Louise Ries
Daniel Fleischmann
In diesen Monaten zieht sich Marie-Louise Ries, 66, von ihrem Berufsleben zurück. Ries gehört zu den wichtigsten Exponentinnen der Berufsberatung der Schweiz während der letzten 30 Jahre. Mit ihrem Namen sind wesentliche Neuerungen in den Bereichen Gruppenberatung, feministische Beratung, Erwachsenenberatung und Altersberatung verbunden.
Ries besetzte von 1979 bis 1987 beim Kanton Zürich eine Halbtagsstelle und war zuständig für die Entwicklung von Methoden der Erwachsenen- und der Gruppenberatung. In dieser Zeit lernte sie auch Beatrice Stoffel, mit der Ries den 4-semestrigen SVB-Nachdiplomlehrgang in Erwachsenenberatung entwickelte oder das SVB-Lehrmittel «Unterwegs als Interessen-Detektivin» schrieb. Nach ihrer Tätigkeit beim Kanton Zürich gründete Marie-Louise Ries das Zürcher Institut BALance, eine Institution der Frauenförderung, die zeitweise mit 40 Kursleiterinnen arbeitete.
Heute hält Marie-Louise Ries noch häufig Kurse zum Übergang in die nachberufliche Zeit ab. Mit diesem Gegenstand ist sie ein erstes Mal bei der Swissair aktiv geworden, die schon in den 70er-Jahren Kurse zur Vorbereitung auf die Pensionierung entwickelte. Ries ist überzeugt: «Die Berufsberatung zeigt den Menschen den Weg in den Beruf. Sie sollte sie vermehrt auch wieder hinaus begleiten.» Dabei geht es ihr nicht nur um das Berufliche, sondern die Frage, was den Menschen jenseits des Materiellen reicht macht.
DF

Deutschland: Veränderungen in der Berufsberatung
Daniel Fleischmann
Die Berufsberatung Deutschlands steht vor wichtigen Veränderungen. Die durch die Hartz-Kommission angestossene Reform des Sozialgesetzbuches III und der damit eingeleitete Umbau der Bundesanstalt für Arbeit (ab 2004 «Bundesagentur für Arbeit») könnten in der Berufsberatung zu einem Abbau des Umfangs und der Qualität der angebotenen Dienstleistungen führen. Namentlich die neue Steuerungslogik (Zielvereinbarungen statt Weisungen) mit laufender Indikatorenmessung könnte dazu führen, dass schwerer messbare, präventive Dienstleistungen vernachlässigt werden.
DF

Betreuung junger Migrantinnen und Migranten
Mary-Claude Wenker
Integration darf nicht als «einseitiges Scheren der Fremden über eine Art helvetischen Kamm» verstanden werden, sondern sie sollte eine «permanente gegenseitige Anpassung» sein. Um die Anforderungen einer solchen Sichtweise erfüllen zu können, bietet das SIBP (Schweizerisches Institut für Berufspädagogik) eine Ausbildung zur Vermittlung entsprechender praktischer und theoretischer Kenntnisse.
Dabei geht es nicht darum, Fachleute auf dem Gebiet der Interkulturalität auszubilden, sondern das Ziel ist es, den Teilnehmenden zu ermöglichen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, und ihnen das Rüstzeug zu vermitteln, sich selbst gründlichere Kenntnisse anzueignen. Mit diesem Ansatz kann der Heterogenität der Teilnehmenden bestmöglich Rechnung getragen werden.
Die Ausbildung besteht aus drei komplementären Teilen: Ein theoretischer Teil behandelt Themen wie interkulturelle Dynamik, Anerkennung und Nutzung von Unterschieden oder Bildung in einer globalen Perspektive. In einem begleiteten praktischer Teil werden, unterstützt durch einen Blick von aussen, prekäre berufliche Situationen analysiert und eventuell nutzbare lokale Ressourcen identifiziert. Eine persönliche Arbeit über die jeweilige praktische berufliche Tätigkeit bildet den dritten Teil.
Leider werden interkulturelle Themen bisher immer nur in optionalen Angeboten behandelt. Angesichts der wachsenden Zahl der Migrantinnen und Migranten sollten wir uns jedoch viel systematischer mit der Bereicherung und den Herausforderungen beschäftigen, die diese Menschen für uns darstellen. Für viele Migrantinnen und Migranten sind die Lehrenden ein wichtiges Bindeglied zur Gesellschaft des Gastlandes. Ihre interkulturelle Ausbildung ist daher eine Notwendigkeit.
PY/MR







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